Freiheit. Ein lächerlich hypothetisches Wort. Unversehrt im Hier und jetzt zu leben ist ein naives Hirngespinst. Wohin du auch gehst, sie sind da und sie gehen mit. Sie folgen dir überall hin. Die Väter der Dämonen haben dir das Leben geschenkt und ihr Mal hinterlassen, das du nicht abschütteln kannst. Sie sind bei dir, in dir, du bist sie. Geprägt, geformt, konditioniert. In Todesangst gepflanzte Samen, Loyalität, Opportunismus, Manipulation. Verstrickte, verwobene Netze halten ein Leben lang. Ja, sie ließen dich gehen, du hast überlebt, doch der Preis ist deine Autonomie. Sie hinterlassen dich in einem zu engen Korsett, eins in dem du gerade noch atmen kannst und die Welt um dich herum siehst. Der große Abenteuerspielplatz auf dem du letztlich nie oder nur ansatzweise mitspielen darfst. Mit angezogener Handbremse auf der Autobahn des Lebens unterwegs, irgendetwas fällt unterwegs doch wieder ab. Bei jeder Reparatur folgt die Entdeckung eines neuen Lecks.
Das Geschenk des (Über-)Lebens ist hässlich verpackt, irgendwo im Innern ist Licht, aber du kommst nur selten heran.
"Anderen geht es viel schlechter" ist ein wunderbarer Satz. Der aufbauen soll, doch ruht es sich auch wunderbar darauf aus. Er ist ein Relativierer, der uns blind macht, zum Wegsehen verleitet und den Stillstand beschwört. Eingehämmert um perfide Dankbarkeit in kleine Gehirne zu verankern. Dankbarkeit nicht getötet zu werden sondern nur gefickt und gequält.
Bangen, hoffen, fürchten, beten, flehen, resignieren. Immer wieder von vorn. Ans Geficktwerden ist man schnell gewöhnt, gehört es anscheinend doch zum Leben dazu. "Das machen ja alle". Die blanke Todesangst aber zermürbt, sie zerfrisst einem das Gehirn. Egal wie abgestumpft und getrennt dein winziges Leben ist, es gibt diesen Mechanismus, der sich klammert auch an das letzte Fünkchen einer unbedeutenden Existenz. Der vom Lebensinstinkt verfluchte Körper, der auch mit der Hoffnung oder der Aussicht auf dein Ende noch auf Leben geeicht funktioniert. Der verdammt dazu scheint sich zu erhalten um jeden Preis.
Das Wasser ist eisig und schneidet in jeden Nerv, mit jedem neuen Druck auf den Kopf geht ein kleines Stück Leben in mir unwiederbringlich dahin. Die Hand in den Haaren schiebt und zerrt, holt mich wieder zurück, Hoffnung, Angst, Hoffnung, Verzweiflung, Flehen nach Tod, nach Leben. Immer wenn der Verstand aussetzt zerren sie dich zurück. Nehmen die Hoffnung auf den erlösenden Tod. Der Erleichterung dass es bald vorbei ist, folgt ein unbeschreiblicher Friede. Ich bin bereit zu gehen, ein paar Atemzüge unter Wasser und alles wird gut. Doch dieser seltsame kindliche Körper versagt, er ist auf sein Überleben programmiert.
Nach dem Wasser kommt der Schnee, ich bin unendlich allein, der Körper ist so taub wie der Geist. Der Geist, der sich fügt und so automatisiert wie der Körper ankoppelt an diesen erstaunlichen Überlebenszug. Er ist bereit. Wird sich fügen damit der Körper seine Bestimmung erfüllen kann: Funktionieren, zu folgen, dem was auch immer der Nächste von ihm verlangt.
Ich höre sie gerade wieder, beinahe in jeder durchwachten Nacht, "Du weißt ja was passiert wenn du die Fresse nicht hältst", "Natürlich wirst du nichts sagen",
"Ich werd deine kleine Fotze schon ordentlich einreiten" Nur Sätze von vielen, eingebrannte Schatten für die Ewigkeit konserviert, genauso wie der Empfänger: auf Leben programmiert… Davonkommen ist eben ein hässliches Geschenk.
(2022)